
Grüner Krake im Fenster, Bus voller DJs und ein Truck, den es hier nie gab: Drei Tage lang gab Łódź die Straße frei
Polens größtes Straßenfest für elektronische Musik ließ in diesem Jahr zum ersten Mal ein Kollektiv aus dem Ausland auf die Piotrkowska. Und das war keine Zeile im Line-up, sondern eine Geste.
Sama' Abdulhadi schloss die Parada Wolności mit einem zweistündigen Set ab. Auf dem Bild ihr Auftritt beim Festival Cervantino in Mexiko 2025
Am letzten Augustwochenende kam das Zentrum von Łódź ohne Drehkreuze aus: Vom 28. bis zum 30. war die Hauptstraße der Stadt, die Piotrkowska, drei Tage lang ein kostenloses Festival für elektronische Musik. Das Ganze heißt „Parada Wolności“, Freiheitsparade – und das Wort Freiheit steht im Namen nicht zur Zierde.
Ausgerichtet wird sie von der Fundacja Parada Wolności, einer Stiftung, die die Anfänge der Bewegung auf das Jahr 1997 datiert.
Die zentrale Form ist hier nicht die Bühne, sondern der Truck: ein Lastwagen mit Soundanlage, eine fahrende Bühne, die jeweils ein einzelnes Kollektiv, ein Club, ein Soundsystem oder ein Promoter stellt. Jeder Truck ist eine Welt für sich mit eigenem Geschmack, und zusammen machen sie aus der Straße eine bewegliche Landkarte der polnischen Clubszene.
Ein Truck, den es hier noch nie gab
Zum ersten Mal in der Geschichte der Parada stellte ein Team aus dem Ausland einen eigenen Truck: das ungarische Kollektiv PRIMATE. Bislang waren alle Trucks polnisch, und genau deshalb wiegt diese Zeile im Line-up mehr als die Namen, die darauf stehen.
Den Grund verschweigen die Veranstalter nicht. Die unabhängige Kultur und die Clubszene in Ungarn arbeiten seit einigen Jahren unter zunehmend schwierigen politischen und institutionellen Bedingungen, und die Idee, PRIMATE einzuladen, entstand, wie das polnische Magazin Muno schreibt, genau als Geste der Solidarität mit der dortigen Szene.
„Drei Tage, an denen Łódź zum größten Fest der Freiheit, der Selbstentfaltung und der elektronischen Musik in Mitteleuropa wird“ – so beschreibt die Stiftung die Parada auf ihrer eigenen Website.
Die Hauptbühne am Samstag ging an das Berliner BCCO – Kollektiv, Label und Truck in einem, das in den vergangenen Jahren zu einer der sichtbarsten Marken der neuen europäischen Elektronik geworden ist. In Łódź spielten unter seiner Flagge AFEM SYKO, AEREA, FUTURE.666, MIJA, ØTTA, SOUTHSTAR und der Pole SEPT, der zugleich beim Zusammenstellen des Programms half.
Den Sonntag beschloss die palästinensische DJ Sama' Abdulhadi – mit einem zweistündigen Set auf der Hauptbühne, dem letzten des ganzen Festivals. Vor ihr spielten an diesem Tag ZUZKA, Duszne Granie, Lulu Malina und Plus2.
Der Bus, in dem die Party früher beginnt
Am Samstag rollte ein alter roter Ikarus durch die Straßen von Łódź und brachte die Leute kostenlos zur Parada. Das war keine gewöhnliche Fahrt: Die ganze Strecke über standen im Bus DJs am Pult. Die Route begann an der Kusocińskiego-Straße und hatte acht Haltestellen. Hinter der Idee stehen zwei Kollektive aus Łódź – TechVibes und TMOS.
Es gab auch einen rein visuellen Teil. Aus den Fenstern des Hauses Piotrkowska 102 hing ein riesiger grüner Krake – eine Installation, unter der sich das Publikum in Kostümen versammelte, die eigens für diese drei Tage entstanden waren.
Das Wichtigste aber ist seit den Neunzigern unverändert: der Eintritt. In einer Zeit, in der ein Ticket für ein großes Elektronik-Event in Polen mehrere hundert Złoty kosten kann, kommt die Parada ohne Tickets aus und ohne Zäune, die die Teilnehmenden von der Stadt trennen würden. Als eigenen Zweig betreibt die Stiftung das Archiwum Wolności, das Archiv der Freiheit: Es sammelt die Stimmen der Pioniere der polnischen Elektronik, rettet Kassetten und dokumentiert, was sonst gemeinsam mit den Menschen verschwinden würde.
Zuvor haben wir berichtet, wie in Warschau ein Industriekomplex an der Modlińska in einen Club verwandelt wird – eine andere Art, auf die sich die polnische Szene den Stadtraum zurückholt.









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