Ein DJ am Pult im Club 69 und ein voller Dancefloor im Hï Ibiza
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Wer bezahlt den Dancefloor: Wie die Clubsaison 2026 endet — von Berliner Prozenten bis zu Rotterdams 656.000 Euro

Die Bar trägt den Club nicht mehr, ein voller Dancefloor garantiert keine schwarze Null, und Städte streiten erstmals in der Sprache von Haushaltszeilen über Clubkultur. ONE//FM bündelt alles, womit die Saison 2026 endet — von Berlin und Rotterdam bis Paisley, Ibiza und Kyjiw.

ONE//FM-Collage: Standbild aus einer Aufnahme im Club 69 (Kanal Close Contact) und ein Bild vom Saisonabschluss im Hï Ibiza

Zwei Seiten einer Saison: Am Pult arbeitet der DJ, die Rechnung zahlt der Saal

Noch im vergangenen Jahr lief das Gespräch über Clubökonomie auf Geschmack hinaus: Gefällt das Line-up oder nicht, ist das Ticket zu teuer oder nicht. In diesem Sommer wurde daraus ein Gespräch über Zahlen — und zwar nicht über die in der Kasse eines einzelnen Ladens, sondern über die in den Haushalten der Städte.

In drei Augustwochen kam zusammen, was sonst weit auseinanderliegt. Eine Berliner Studie zeigte eine spiegelverkehrte Umkehr der Erlösstruktur von Clubs. Rotterdam kündigte an, das Festivalbudget um 656.000 Euro im Jahr zu kürzen. Glasgow sucht erstmals in Schottland jemanden, der für die Nachtökonomie der Stadt zuständig ist. Und ein schottischer Club, der seit 1993 läuft, nannte sein Schließdatum. ONE//FM hat daraus ein Bild gemacht.

Chronologie der Saison
7
August
Berlin
Die Clubcommission stellt die Studie „Clubkultur Berlin 2026“ vor — die erste große Bestandsaufnahme der Szene seit 2019
14
August
Tisno
Defected schließt sein kroatisches Festival nach zehn Ausgaben
19
August
Ibiza
gibt das Line-up des Saisonabschlusses bekannt — die Ukraine gehört zu den Kulturen der Saison
20
August
Rotterdam
Die Stadt kündigt eine Kürzung des Veranstaltungsbudgets um 656.000 Euro jährlich an
21
August
Glasgow
Der Stadtrat schreibt Schottlands ersten Nachtökonomie-Manager aus
24
August
Paisley
Club 69 nennt sein Schließdatum — 10. Oktober, nach 33 Saisons
24
August
Las Vegas

Die Bar trägt den Club nicht mehr

Die wichtigste Zahl der Saison ist keine Kassenzahl, sondern eine strukturelle. Die Studie „Clubkultur Berlin 2026“, veröffentlicht von der Clubcommission Berlin gemeinsam mit der städtischen Wirtschaftsverwaltung, zeigt: 2017 kamen rund sechzig Prozent der Einnahmen eines Berliner Clubs aus Gastronomie und Getränken, nur einundzwanzig Prozent aus dem Eintritt. Heute ist das Verhältnis spiegelverkehrt: Der Eintritt bringt neunundfünfzig Prozent, die Bar zwanzig.

Dahinter steht keine Nachfragekrise, sondern verändertes Verhalten. Dreiundsiebzig Prozent der befragten Häuser verzeichnen sinkenden Alkoholkonsum, sechzig steigende Verkäufe alkoholfreier Getränke, siebenundfünfzig, dass Gäste weniger Zeit im Club verbringen. Der Tresen, der die kulturelle Hälfte des Abends jahrzehntelang stillschweigend subventioniert hat, tut das nicht mehr. Die gesamte Last liegt auf dem Ticket — und das Ticket hat eine Grenze, oberhalb derer das Publikum schlicht nicht kommt.

Berlin: was die Studie zeigt
59%
kommen aus dem Eintritt
2017 waren es einundzwanzig Prozent
20%
kommen aus der Bar
2017 waren es rund sechzig
73%
sehen sinkende Alkoholverkäufe
sechzig Prozent sehen alkoholfreie steigen
61%
erreichen bestenfalls die Null
2017 waren es neunundsiebzig

Voller Floor, leere Kasse

Das Unerwartetste an den Berliner Zahlen ist, dass sie nicht von leeren Räumen handeln. Dreiundachtzig Prozent der befragten Häuser sind mindestens halb voll, ein Drittel über fünfundsiebzig Prozent. Das Publikum ist nicht verschwunden. Verschwunden ist die Marge: Erreichten 2017 noch neunundsiebzig Prozent der Clubs mindestens die schwarze Null, waren es 2025 einundsechzig. Als größten Druck nennen die Befragten Personalkosten, Betriebskosten, die sinkende Kaufkraft der Gäste und die Miete.

„Die Leute gehen nicht weniger aus. Sie konsumieren anders“, heißt es in der Mitteilung der Clubcommission.

Genau hier hört Clubökonomie auf, Privatsache des Betreibers zu sein. Wenn ein voller Dancefloor die Null nicht mehr garantiert, muss die Differenz irgendwoher kommen — vom Ticket, von der Miete oder aus dem Stadthaushalt. Deshalb wurde der August 2026 zu dem Monat, in dem Stadträte über Clubs sprachen und nicht Musikredaktionen.

Rotterdam: minus 656.000 Euro im Jahr

Rotterdam löst es durch Subtraktion. Die Stadt kürzt das Veranstaltungsbudget von Rotterdam Festivals um 656.000 Euro jährlich — zwanzig Prozent der Förderung. Über Rotterdam Festivals unterstützt die Stadt gerade die unabhängigen Veranstaltungen, der Schlag trifft also nicht die großen kommerziellen Häuser, sondern jene, die Tickets bezahlbar halten und im Programm Risiken eingehen.

Gegen die Kürzung wurde eine Petition gestartet: mehr als dreitausend Unterschriften, die Sammlung läuft bis zum 4. November. Zu den Gegnern gehört das Festival Nous’klaer. Das Argument der Petition ist einfach: Ohne dieses Geld verlieren unabhängige Veranstaltungen die Fähigkeit, Tickets bezahlbar zu halten, lokale Künstler zu fördern und künstlerische Risiken einzugehen, die sich nicht sofort rechnen.

Glasgow geht in die Gegenrichtung

Einen Tag vor der Rotterdamer Nachricht bewegte sich Glasgow in die andere Richtung. Der Stadtrat schrieb die Stelle eines Nachtökonomie-Managers aus — die erste dieser Art in Schottland. Diese Person soll das Bindeglied sein zwischen Stadtverwaltung, Betreibern von Clubs und Gastronomie und allen weiteren Beteiligten: die Empfehlungen der städtischen Nachtökonomie-Kommission umsetzen, den Sektor vertreten und sich um das kümmern, was einen Abend wirklich ruiniert — Sicherheit, Verkehr und Gästeerlebnis. Den Vorsitz der Kommission führt Mike Grieve, Geschäftsführer des Sub Club; ihr gehören Vertreter von DF Concerts, Glasgow Life, Music Venue Trust und Lizenzfachleute an.

„Diese Rolle ist eine Gelegenheit, Menschen zusammenzubringen, lang bestehende Probleme anzugehen und Glasgow zu einem noch besseren Ort zum Arbeiten, Auftreten, Besuchen und Genießen nach Einbruch der Dunkelheit zu machen“, sagte Mike Grieve.

Zwei Städte, zwei verschiedene Schlüsse aus derselben Rechnung. Rotterdam sieht in der Nachtkultur eine Ausgabe, die man kürzen kann. Glasgow einen Sektor, den man steuern muss, weil er der Stadt Geld, Arbeitsplätze und Menschen bringt. Wer recht hat, zeigt die nächste Saison; bezeichnend ist vorerst etwas anderes — dass beide es überhaupt als ihre Sache betrachten.

Paisley, Tisno, Ibiza: drei verschiedene Enden einer Saison

Unterdessen schließt die Saison — und sie schließt sehr unterschiedlich. Im schottischen Paisley läuft der Club 69 bis zum 10. Oktober: dreiunddreißig Saisons im Keller unter einem indischen Restaurant, wo Underground Resistance, Juan Atkins und Andrew Weatherall spielten. Das ist die typischste Art des Verschwindens — kleine Häuser mit dreißig Jahren Geschichte gehen nicht aus Publikumsmangel, sondern wegen Miete und Energie, und meist ganz ohne Schlagzeile.

Im kroatischen Tisno hat Defected die zehnte und letzte Ausgabe seines Festivals unter dem Motto „One Last Dance“ gespielt — mehr als tausend Stunden Musik in zehn Jahren an der Adria; die Ibiza-Residency und das Festival auf Malta bleiben. Und auf Ibiza selbst endet die Saison, wie sie immer endete: Hï gab das Abschluss-Line-up bekannt und nannte die Ukraine unter den Kulturen der Saison, während das Ushuaïa am 10. Oktober schließt — am selben Tag wie der Keller in Paisley.

Wer trotzdem eröffnet

Parallel zu den Schließungen läuft eine Welle von Eröffnungen, und das ist kein Widerspruch, sondern dieselbe Ökonomie von der anderen Seite. Auf Sizilien hat SELVA eröffnet — ein befestigtes Gehöft mit drei Bühnen und einem Baum mitten auf dem Dancefloor. In Warschau wird ein Industriekomplex an der Modlińska zum Club Sektor 6D. In Las Vegas ist das XS nach dem Umbau zurück, mit RÜFÜS DU SOL und HUGEL. Und in Rio de Janeiro eröffnet die Listening Bar ESCUTA — drei Etagen, sechs Residents und ein eigenes Radio: ein Format, in dem das Ticket überhaupt nicht die Haupteinnahmequelle ist.

Ukraine: eine Szene ohne Zeile im Stadthaushalt

Die ukrainische Szene beobachtet diese Debatte von der Seite — nicht aus Desinteresse, sondern weil es hier in keinem Stadthaushalt eine Zeile „Clubkultur“ gibt. Es gibt weder eine Nachtökonomie-Kommission noch einen Festivalfonds, den man um zwanzig Prozent kürzen könnte. Es gibt eine Ausgangssperre, es gibt Spenden, und es gibt die Tatsache, dass Brave! Factory im siebten Jahr in Folge am Vorabend des Unabhängigkeitstags spielt — aus eigener Kraft und aus dem Willen der Veranstalter.

Der zweite Teil der Antwort heißt Export. In diesem August brachte die ukrainische Musik erstmals ein eigenes großes Festival in Europa zusammen: PROSTIR FEST in Barcelona. In Warschau spielte zum Unabhängigkeitstag Pulse of Nation, in Berlin fand eine ukrainische Woche statt, und MONATIK kündigte eine Europatournee mit Finale im Londoner Indigo an. Wo zu Hause die Haushaltszeile fehlt, findet sich das Publikum dort, wohin es gegangen ist — und genau dieses Publikum bezahlt derzeit den ukrainischen Dancefloor. Wie das über fünfunddreißig Jahre entstand, haben wir in einem eigenen Text aufgeschrieben.

Was von dieser Saison bleibt
Berlindie Erlösstruktur hat sich gespiegelt: Eintritt 59%, Bar 20%
Rotterdamminus 656.000 Euro im Jahr, die Petition läuft bis 4. November
GlasgowAusschreibung für Schottlands ersten Nachtökonomie-Manager
10. Oktoberam selben Tag schließen Club 69 in Paisley und das Ushuaïa auf Ibiza

Warum klagen Clubs über Geld, wenn die Floors voll sind?

Weil der Umsatz nicht mehr davon abhängt, wie viele Menschen im Raum sind, sondern davon, wie viel sie drinnen ausgeben. Die Berliner Studie stellt beide Zahlen nebeneinander: 83 Prozent der Häuser sind mindestens halb voll, und nur 61 Prozent erreichen die Null.

Was genau kürzt Rotterdam?

Das Veranstaltungsbudget von Rotterdam Festivals — 656.000 Euro jährlich, also zwanzig Prozent. Über diese Struktur fördert die Stadt vor allem unabhängige Veranstaltungen.

Was macht ein Nachtökonomie-Manager in Glasgow?

Die Stelle vermittelt zwischen Stadtrat, Betreibern von Clubs und Gastronomie und weiteren Beteiligten. Zum Aufgabenbereich gehören die Umsetzung der Empfehlungen der städtischen Kommission, die Vertretung des Sektors sowie Sicherheit, Verkehr und Gästeerlebnis.

Heißt die Schließung des Club 69, dass die britische Clubszene stirbt?

Eher, dass sie den Maßstab wechselt. Zuerst verschwinden kleine Kellerhäuser mit langer Geschichte — nicht aus Publikumsmangel, sondern wegen Miete und Energie. Mit ihnen verschwindet kein Sound, sondern der Ort, an dem ein neuer DJ zum ersten Mal vor hundert Leuten spielt.

Was hat das mit der Ukraine zu tun?

Unmittelbar: Die Fördermodelle, über die europäische Städte gerade streiten, sind genau das, was der ukrainischen Szene am meisten fehlt. Solange es sie nicht gibt, übernimmt das Publikum im Ausland und die eigene Kraft der Veranstalter die Rolle des Haushalts.

Die Saison 2026 hat keine Antwort geliefert, aber sie hat die Frage erstmals laut gestellt, und in mehreren Ländern fast gleich: Wenn sich der Dancefloor an der Bar nicht mehr trägt, wer bezahlt ihn dann? Rotterdam antwortet: niemand. Glasgow: die Stadt. Berlin zeigt die Rechnung. Und Ibiza, Paisley, Tisno, Warschau, Sizilien, Las Vegas und Rio haben in diesem Sommer einfach ihre Arbeit gemacht — die einen zum letzten Mal, die anderen zum ersten.

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