Gäste des Vyrii tanzen neben dem DJ-Pult auf dem WDNH-Gelände in Kyjiw
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17.000 Gäste, 20 Hochzeiten und die 15 Minuten, über die alle stritten: So lief Vyrii. Prostoneba

Das zweite Vyrii brachte 17.000 Menschen auf das Kyjiwer WDNH-Gelände, dazu zwei Bühnen und über 20 Acts — von Wakartschuk bis GusGus. Die lauteste Debatte danach löste allerdings eine fünfzehnminütige Tanznummer auf der elektronischen Bühne aus.

Das ethnisch-elektronische Event Vyrii. Prostoneba fand am 8. und 9. August zum zweiten Mal im Pavillon KYT auf dem WDNH-Gelände in Kyjiw statt. An zwei Tagen kamen 17.000 Menschen zu dem Festival des Kurazh-Teams, alle Tickets waren zwei Tage vor Beginn ausverkauft, und über 10% der Gäste aus ermäßigten Kategorien kamen kostenlos hinein.

Darüber berichtete MUZVAR.

Das erste Vyrii im Vorjahr zog 12.000 Besucher an — in einem Jahr ist die Veranstaltung also um fast die Hälfte gewachsen. Ein Tagesticket kostete 2400 Hrywnja, ein Zweitagesticket 4000. Veteranen, Soldatinnen und Soldaten, Kämpfer der Ukrainischen Freiwilligenarmee, Menschen mit Behinderung, Rentnerinnen und Rentner sowie Kinder bis 12 Jahre hatten freien Eintritt.

Zwei Bühnen: Ethno live und Elektronik

Die Musik verteilte sich auf zwei Bühnen mit den offiziellen Namen Live Stage und Electro Stage. Am 8. August spielten live NAZVA, Krychitka x HORROR CHOR, Swjatoslaw Wakartschuk und Maryna Krut, auf der elektronischen Bühne Holly North, KADIRISTY und Biggi Veira mit einem GusGus-DJ-Set. Am 9. August traten auf der Live-Bühne The WJO, The Maneken, Vivienne Mort, GANNA und Oleh Skrypka mit Wopli Widopljassowa auf, auf der elektronischen Jazzmate B2B Hanna Brut, Zombies in Miami und Roman K. Insgesamt mehr als 20 ukrainische und internationale Acts.

GusGus sind eine isländische Band, Zombies in Miami ein mexikanisches Duo. Für den deutschen Elektronikmusiker Holly North war es bereits das zweite Vyrii in Folge.

„Kyjiw, du hast mir schon wieder das Herz gestohlen! Ich komme zurück. Das müssen wir unbedingt wiederholen!" — so lautet der Beitrag von Holly North in den sozialen Netzwerken.

Krut brachte einen neuen elektronischen Sound zum Vyrii

Die Bandura-Spielerin und Sängerin Maryna Krut bereitete ein halbes Jahr lang ein eigenes Programm für das Festival vor und spielte es erstmals in neuer Besetzung. Ein paar Tage vor dem Event schrieb sie darüber.

„Maryna Krut wird auf dem Vyrii etwas anders klingen, als ihr es gewohnt seid. Wir haben diese Idee ein halbes Jahr lang ausgebrütet und freuen uns jetzt, sie zu teilen. Ein neuer elektronischer Sound, ein Experiment und ein exklusiver erster Auftritt in neuer Besetzung mit völlig neuem Klang", kündigte die Künstlerin an.

Neben der Bandura kamen im Programm Elektronik und Schlagzeug hinzu, am Sound arbeitete ein eigenes Team: ein Soundproduzent, eine Elektronikerin und ein Drummer.

„Das war ein alter Traum von mir. Mich aufrichten, aufstehen, tanzen — und dass die Zuschauer auch tanzen. Ich wollte diesmal anders sein: meine inneren Kinder ausführen, auf eine Trommel schlagen, es nicht so machen, wie ich sonst Musik mache, den Zugang ändern", schrieb Krut nach dem Auftritt.

Wakartschuk spielte ein Programm, das er nirgends wiederholen wird

Swjatoslaw Wakartschuk stellte für das Vyrii ein eigenes Konzertprogramm zusammen und brachte es am Abend des 8. August auf die Live-Bühne.

„Gerade das einzigartige Format und die Ungewöhnlichkeit dieses Events haben mich inspiriert, ein besonderes Konzertprogramm zu schaffen. Heute erklingt es nur ein einziges Mal — genau hier und genau heute", schrieb Wakartschuk in seinen sozialen Netzwerken.

Die fünfzehn Minuten, die die sozialen Netzwerke überstimmten

Ein eigenes Performance-Programm zeigte Freedom Ballet. Die Nummer dauerte etwa fünfzehn Minuten und lief auf der elektronischen Bühne, begann aber schon davor: Die Tanzenden bewegten sich in Umhängen über das Festivalgelände, und dieser Weg war bereits Teil der Inszenierung. Eine klare Grenze zwischen Vorbereitung und Beginn gab es nicht — der Auftritt wuchs aus dem Raum des Events selbst.

„Sie tauchten auf der elektronischen Bühne nur für 15 Minuten auf — dunkle Vögel mitten in der Menge. Bewegung, Kostüme, Licht, Musik. So schön, dass man das Handy besser sinken lässt und einfach zuschaut", hieß es über die Nummer bei NaschKyjiw.

MUZVAR nannte den Auftritt vielleicht den stärksten Punkt des Abends. Zugleich sammelte gerade er den meisten Streit: Ein Teil der Social-Media-Nutzer begann, den Stil des Vyrii ausschließlich mit dieser Nummer zu verbinden — obwohl als Dresscode ungezwungenes Ethno, Wildheit, Freiheit und Natürlichkeit ausgerufen worden war.

Fotos: die Veranstalter des Vyrii

Zwanzig Paare heirateten direkt auf dem Festival

Die wichtigste Neuerung des zweiten Vyrii waren offizielle Eheschließungen. Die Zeremonien liefen in Zusammenarbeit mit Diia, dem Ministerium für digitale Transformation und dem Justizministerium, die Registrierung war also voll rechtsgültig. Den Raum dafür baute die Schmuckmarke GUZEMA: Traubogen, Zeremonienmeister, Fotograf und Sitzplätze für Gäste, und jedes Paar bekam eigens für das Event entworfene Goldringe.

Vor dem Festival planten die Veranstalter mindestens 12 Zeremonien. An zwei Tagen wurden 20 registriert. Wer wollte, konnte außerdem symbolisch in der Warteschlange heiraten, und bereits verheiratete Paare konnten ihr Gelübde erneuern.

Die Idee kam von den Gästen selbst: Im Vorjahr legten manche Paare ihre Hochzeit bewusst auf die Vyrii-Tage — morgens das Standesamt, danach das Festival mit Freunden und Familie.

Ein Dresscode, den fast alle einhielten

Der Dresscode bleibt zwingende Eintrittsbedingung. Die diesjährige Richtung beschrieben die Veranstalter als ungezwungenes Ethno, Natürlichkeit und Freiheit: keine historisch exakte Tracht und keine teuren Kostüme, dafür Leinen, bestickte Hemden, lange Röcke, weite Hosen, Umhänge, Tücher, Gürtel und handgemachter Schmuck.

Von 17.000 Gästen kamen nur rund 300 in Alltagskleidung.

Ein Theaterprogramm, das man nicht ganz sehen konnte

Den Theaterteil kuratierte Regisseur Iwan Urywskyj, am Programm arbeiteten Tetjana Kostynjuk und Maksym Swez. Grundlage waren Motive der Novelle „Am Sonntagmorgen grub sie Kräuter" von Olha Kobyljanska — nicht als wörtliche Nacherzählung, sondern als Ausgangspunkt.

Die Inszenierungen verteilten sich auf fünf Zonen des Festivals und dauerten täglich etwa fünf Stunden. Alles zu sehen war unmöglich: Während in einer Zone eine Episode lief, geschah in einer anderen etwas völlig anderes, sodass jeder Gast sich aus den erhaschten Fragmenten seine eigene Version des Vyrii zusammensetzte.

ONUKA kam mit der Sopilka zu The Maneken

Der berührendste Moment des zweiten Tages war der Auftritt von ONUKA während des Sets von The Maneken. Jewhen Filatow, der hinter dem Projekt steht, stellte Nata Schyschtschenko — die Frontfrau von ONUKA — als den Menschen vor, ohne den er sich sein Leben nicht vorstellen kann. Zuerst stieg sie behutsam mit der Sopilka ein, einer ukrainischen Holzflöte, später kam Gesang dazu.

Zur Bühnenbesetzung von The Maneken gehörten außerdem Trompeter Dennis Adu, Dascha Minjejewa und DIMA LIBRA. Swjatoslaw Wakartschuk kam zuhören — passend, denn in einem Track auf Filatows neuem Album steckt ein Sample aus dem Okean-Elzy-Song „Kwitka".

Vivienne Mort erklärte, warum sie selten auf der Bühne steht

Vor ihrem Programm erklärte Vivienne Mort-Frontfrau Daniela Sajuschkina dem Publikum, warum sie zuletzt so selten auftritt: Ein ihr sehr nahestehender Mensch wurde im Krieg schwer verwundet und durchläuft nun eine schwierige Rehabilitation in Dnipro. Den Text las sie vom Handy ab.

Danach wirkte das Konzert nicht mehr wie ein weiteres melancholisches Set. Zusätzlich bat die Künstlerin ihr Publikum, genauer auf die Inhalte der Lieder zu achten — besonders beim Track „Schidnyj ekspres", der oberflächlich von Liebe erzählt, in Wahrheit aber vom Krieg. Beschrieben wurde das in der Reportage vom zweiten Tag.

Kritik — und die Antwort der Veranstalter

Nach dem Festival wurde dem Vyrii im Netz vorgeworfen, es habe keinen sichtbaren wohltätigen Teil. Alina Mychajlowa, Leiterin des Sanitätsdienstes „Ulf" des Bataillons Da-Vinci-Wölfe, veröffentlichte einen Beitrag, in dem sie betonte, sie rufe die Ukrainer nicht dazu auf, aufzuhören zu leben oder zu feiern, halte es aber für wichtig, sich den Preis eines gewöhnlichen Lebens zu vergegenwärtigen. Sie merkte auch an, dass das Festival auf denselben Tag fiel wie die Trauerfeier für Olexij Jukow — den Gründer der Suchtruppe Plazdarm, der über 25 Jahre lang die Leichen von Gefallenen suchte und zurückbrachte.

„Nicht das Festival macht mir Angst. Angst macht mir die Normalisierung des Abgrunds. Wenn die einen Ukrainer seit Jahren in einer Welt leben, in der ‚heute war ein guter Tag' bedeutet, dass alle Deinen lebend zurückgekommen sind. Und die anderen in einer Welt, in der der Krieg zu einer unbequemen Benachrichtigung auf dem Handy zwischen Arbeit, Restaurant und Party geworden ist", heißt es in dem Beitrag.

Veranstalterin Alona Hudkowa antwortete, das Vyrii sei ein Verlustprojekt, das Geld für Wohltätigkeit gebe Kurazh.

„Das letzte [Vyrii] haben wir mit einem Minus von 9,5 Millionen abgeschlossen. Ja, das war eine Schuld, die Kurazh abgetragen hat, ich habe meinen eigenen Verdienst und meine Ausgaben stark eingeschränkt, und überhaupt ist das der Preis von Investitionen in Kulturprojekte. Ich bin das Risiko eingegangen, das war meine Verantwortung", schrieb sie auf Instagram.

Produzentin Anastasija Maksymowa ergänzte, im Vorjahr sei die Produktion wegen Dekoration und Kostümen sehr teuer gewesen, verdient habe man nichts. Dieses Jahr will das Team das finanzielle Ergebnis prüfen und, wenn möglich, einen Teil des Geldes an Wohltätigkeit weitergeben. Rund 20% aller Tickets seien ermäßigt gewesen.

Punktuelle Spendenaktionen liefen auf dem Festival dennoch: Gäste konnten sich für eine Spende porträtieren oder tätowieren lassen, und Krychitka blendete einen QR-Code für eine Sammlung direkt von der Bühne ein.

Wie es weitergeht

Das Vyrii war als barrierefreies Event angelegt: ein flach ansteigender Haupteingang, barrierefreie Toiletten, niedrigere Tresen im Foodcourt, ein eigener Stillraum, eine Plattform für Gäste mit eingeschränkter Mobilität an der Bühne, ruhigere Bereiche ohne zusätzliche Lautsprecher und Ohrstöpsel im Verkauf. Alle Auftritte auf der Live-Bühne wurden in ukrainische Gebärdensprache gedolmetscht.

Das Team bereitet bereits ein drittes Vyrii vor — Details sollen später folgen.

Wie ONE//FM zuvor berichtete, versammelte ein weiteres Kyjiwer Festival in diesem Sommer über 70 Namen auf dem Gelände des Dowschenko-Filmstudios.

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