
Von Squats bis Coachella: Wie ukrainische Elektronik in 35 Jahren zur Stimme des Landes wurde
Hitparaden im Fernsehen, Raves in Squats, Xlib in Podil, Closer in der Nyschnjojurkiwska, Boiler Room in Slowjansk und drei Ukrainer unter den hundert besten DJs der Welt. Vier Epochen einer Szene — und das, was sie im großen Krieg geworden ist.
Am 24. August 2026 wird die Ukraine 35 Jahre alt. Genauso lang ist eine Geschichte, die kaum jemand als Ganzes erzählt hat: wie ein Klang, der in Squats und auf Kassetten begann, die großen Bühnen der Welt erreichte — und warum gerade er sich als eine der überzeugendsten Formen erwies, über das Land zu sprechen.
Wir haben diese Geschichte in vier Epochen geordnet. Nicht weil es bequemer ist, sondern weil jeder Bruch der Szene mit einem Bruch des Landes zusammenfiel.
Die Faktenlage dieses Textes stützt sich auf eine große Untersuchung der ukrainischen elektronischen Szene von Suspilne Kultura und auf die wissenschaftliche Periodisierung von Olexandr Sasulin in der Zeitschrift „Pytannja kulturolohii".
Die Neunziger: Squats, Kassetten und die ersten Raves
Die erste Epoche war spontane Selbstorganisation. Im Fernsehen lief die Hitparade „Terytorija A", die ukrainische Popmusik erstmals sichtbar machte; daneben arbeiteten „Van Gogh", „Aqua Vita", „Fantom-2", „Turbo-Techno-Sound" und „Step" — eine eigene Version von Eurodance aus dem, was gerade zur Hand war.
Parallel existierte alles, was nie in den Äther kam. Switlana Njanjo und ihr Projekt „Zukor — bila smert" erschienen beim polnischen Label Koka Records, und Katja Chilly legte mit dem Album Rusalki in da House faktisch den Grundstein der ukrainischen Folktronica. Die ersten Raves fanden im Squat „Parysjka Komuna" in der Welyka Schytomyrska statt, im Hotel „Rus" und auf dem Gelände der Kyjiwer Festung; die Reihe Torba Party lief von 1995 bis 1997 und schaffte rund zwanzig Nächte.
Die Nullerjahre: Glamour gegen Beton
Die zweite Epoche war kommerzielle Institutionalisierung. Es kamen große importierte Partys: Godskitchen, Global Gathering, Techno Invasion. Es kamen die Sender Kiss FM und DJ FM und Hochglanzmagazine über Clubs. Und parallel kam Xlib in der Kyryliwska, der bewusst nicht nach London, sondern nach Berlin schaute.
„Angeberei gab es dort nicht. Auf Stars hat niemand geachtet", erinnerte sich Witalij Bardezkyj, einer der Gründer von Xlib.
Bei Xlib spielte Afrika Bambaataa, rund um den Club wuchsen die Crews Kievbass, Svoi und Zhiguli/Rewind. Auch außerhalb Kyjiws passierte etwas: in Donezk das Kunstzentrum „Isoljazija" und die Bar Gung'ju'buzz, aus der Jewhen Filatow hervorging, der spätere The Maneken; in Tscherniwzi trat 2003 T-zhuk auf, dessen Track Amaga durch weltweite Charts lief. In denselben Jahren arbeiteten Tomato Jaws — die Band, aus der später ONUKA wurde. 2012 schloss Xlib.
Nach 2014: Die Szene wird zur Institution
Die dritte Epoche war die Kristallisation von Werten und der Schritt nach außen. 2013 öffnete Closer in der Nyschnjojurkiwska, und alles andere wuchs darum herum: die Festivals „Stritschka", Brave! Factory und Black! Factory, die Rave-Reihe Cxema, Ostrov. Die Szene war nicht mehr nur kyjiwerisch: Charkiw bekam Kultura Zvuka, Dnipro den Club Module, Lwiw Zavtra, Iwano-Frankiwsk Detali, Saporischschja Instance.
Damals standen ukrainische Namen erstmals auf Weltplakaten. ARTBAT, Miss Monique und Korolova kamen bis Tomorrowland und Coachella, und in den DJ Mag Top 100 DJs 2025 schafften es alle drei in die Liste: Korolova auf Platz 50, ARTBAT auf 73, Miss Monique auf 75.
Ab 2022: kultureller Widerstand
Die vierte Epoche begann am 24. Februar. Partys enden jetzt um 22:00 Uhr, die Hälfte der Closer-Residents lebt in Europa, und eine Sammlung für die Armee ist Pflichtteil jedes Line-ups. Die Szene ist nicht verschwunden — sie hat ihren eigenen Zweck neu geschrieben.
„Elektronische Musik muss im selben Kontext laufen wie die Kultur. Sie ist so verschieden, dass man sie nicht verallgemeinern sollte", sagte Serhij Jazenko, der Gründer von Closer.
Das genaueste Symbol dieser Zeit ist nicht einmal ein Club, sondern eine Toloka: Die Initiative Repair Together bringt Menschen zum Wiederaufbau von Dörfern im Gebiet Tschernihiw — zu DJ-Sets. Und ein weiteres Symbol ist der Donbas, der vor dem großen Krieg eine eigene Rave-Kultur hatte: In Slowjansk arbeitete Jewhenij Skrypnyks Shum Rave, und im Herbst 2021 kam genau dorthin Boiler Room zum Filmen.
Was das im 35. Jahr bedeutet
In eine Linie gelegt, zeigen die vier Epochen etwas Einfaches: Ukrainische Elektronik wurde nicht erwachsen, wenn sie Geld bekam, sondern wenn sie einen Grund bekam. Der Squat gab ihr Freiheit, Podil den Geschmack, die Nyschnjojurkiwska eine Institution, der große Krieg eine Funktion. Deshalb ist die Szene heute nicht nur Musik: Sie ist Fundraising, Kulturdiplomatie und ein Argument in einem Gespräch, in dem Worte nicht mehr wirken. In dasselbe Gespräch mischt sich jetzt eine Maschine — darüber haben wir gesondert in unserem Text über künstliche Intelligenz in der Musik geschrieben.
Und noch etwas. Fünfunddreißig ist das Alter, in dem man nicht mehr beweisen muss, dass man existiert. Es genügt zu spielen.
Wie berichtete zuvor das Portal ONE//FM, klingt die Unabhängigkeit in dieser Woche in vier Städten gleichzeitig — vom Dowschenko-Filmstudio bis zur Berliner Jägerstraße.









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